Schreib du

Schreib du deinen Roman, ich lebe ihn. Du kannst noch so sehr davon erzählen, dass du mir im Erzählen überlegen bist, mein Leben ist dein Erzählen ebenso über, ich krieg es nicht zu Papier, erst recht nicht, da alles elektronisch wird und uns das Papier ausgeht.

Ein Text mit nur 58 Worten – zum Wegklicken. Ändert nichts daran, dass jeder Text, sei er noch so lang, ebenfalls dem Wegklicken zuzuordnen sein wird. Ich lese einmal zur Abwechslung einen Text, der in Büchern steht. „Sekunden später servierte er in der Küche Schokoladenkuchen, dazu Sambuca mit brennenden Kaffeebohnen.“ Haben Sie das gelesen? Schriebe ich so einen Satz, niemand ließe ihn länger als zwei Sekunden auf der Zunge brennen.

Jetzt aber, wo die brennende Kaffeebohne im Raum ist, braucht auch der Text keine zusätzlichen Längen. Er glüht sozusagen aus sich heraus durch das Adjektiv brennend. Mehr war nicht nötig, sich ins Gedächtnis einzuschreiben. Der Satz ist von Zsuzsa Bánk – und könnte mir, so wie er hier steht, einige Probleme bereiten. Habe ich ihn korrekt zitiert? Durfte ich ihn zitieren? Habe ich ihn aus seinem Zusammenhang gerissen? Im Folgesatz nämlich heißt es: „Dabei tanzte er um uns herum, drehte den Recorder auf, und wir grölten mit, egal was lief.“ Sehen Sie? Die Paarung von brennend und grölen – sorgt für eine innere Spannung.

Ich dagegen: weise alles von mir und schreibe: Schreib du!

Es fehlen noch 61 Worte bis 300. Jetzt nur noch 54. Wer hat bloß festgestellt, dass ein Text länger sein muss als 300 Wörter? Es ist dies eine willkürliche Festlegung. Zieht aber nach sich, dass ich erst grünes Licht bekomme bei 300 und mehr Wörtern. Dann aber droht die Absatzregelung. Die Maschinen, so lege ich mich fest, lehren uns das Weglesen. Ich soll jetzt mit Zwischenüberschriften agieren.

Wir verlernen das Lesen. Immer den Slogans entlang. Diskursverweigernd.

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